Startseite

PSA-SCHWERPUNKT: PSA 4.0

Ausgaben-Nummer: 
04/2018

In der M.A.S. 3/18 stand „Individuelle Persönliche Schutzausrüstung“ im Mittelpunkt, dieses Mal widmen wir uns in unserem PSA-Schwerpunkt erstmals dem Thema „PSA 4.0“.

 

Im Zuge des immer rasanteren Wandels der Arbeitswelt verändern sich auch die Anforderungen an Persönliche Schutzausrüstung (PSA) zunehmend. PSA soll den Träger nicht mehr „nur“ schützen, sondern ihm auch allerlei Zusatzfunktionen bieten, die den Arbeitsalltag erleichtern. Wir beleuchten nachfolgend, was unter PSA 4.0 verstanden wird, was zukünftig am PSA-Markt an Entwicklungen zu erwarten ist und wo derzeit die Grenzen von PSA 4.0 liegen. Experten aus den unterschiedlichsten PSA-Bereichen liefern zudem wertvolle Inputs aus der Praxis zu den aktuellsten Markttrends. Kein Licht ohne Schatten: Wichtig ist uns dabei, auch immer einen kritischen Blick auf das Thema zu werfen. Denn: PSA 4.0 bringt zahlreiche neue Fragestellungen mit sich, denen sich PSA-Hersteller wie -Anwender künftig stellen werden müssen. 

Smarte PSA - Eine sichere Reise in die Zukunft der Arbeitswelt? Ein Gastbeitrag von René Höller, Stuco GmbH, und Alexander Roitner, SCHÜTZE-SCHUHE GmbH

So wie alle Produkte unterliegen auch Persönliche Schutzausrüstungen einem ständigen Weiterentwicklungsprozess, um den wachsenden Bedürfnissen der Träger und den Risiken ihres Arbeitsumfeldes gerecht zu werden. Anfänglich lag der Fokus bei Optimierungsprozessen auf simplen, aber wichtigen Dingen wie Tragekomfort, Materialverbesserungen, Laufzeitenverlängerung, Erhöhung der Sicherheit etc.
Ein Beweggrund für Optimierungsmaßnahmen ist seit jeher der Anspruch, immer besser zu werden, Dinge zu vereinfachen und/oder Profite zu generieren – ein grundsätzliches Verhalten, das in uns Menschen fest verankert ist. Getrieben vom Streben nach „höher-schneller-weiter“ haben wir ein gesellschaftliches Perpetuum Mobile geschaffen, das uns im Gegenzug einen ständigen, immer schneller werdenden Anpassungsprozess aufgezwungen hat. In einer derartig schnelllebigen, sich ständig verändernden Umwelt ist es nicht mehr möglich, auf eigenen Erfahrungen basierende Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen werden heute nicht mehr rational, sondern faktenbasierend anhand von Ergebnissen aus Datenanalysen getroffen – Stichwort „technische Rationalität“. Heute haben Sprichwörter wie etwa „Irren ist menschlich.“ nicht mehr dieselbe Gültigkeit und Bedeutung als noch vor 20 Jahren. Der menschliche Faktor rückt immer mehr in den Hintergrund, da er naturgemäß zu Fehlern neigt – Fehler, die Unternehmen viel Geld kosten können.

Daten – das digitale Gold
Heutzutage kennt das Sammeln von Daten keine Grenzen mehr. Wir hinterlassen immer und überall unseren digitalen Fußabdruck. Keiner kann sich dem digitalen Leben entziehen, auch nicht am Arbeitsplatz. Die aufgezeichneten Daten sind digitales Gold und damit von entscheidendem Wert für alle Unternehmen. Sie werden analysiert, fließen anschließend direkt in Prozesse ein oder werden genutzt, um Trends zu erkennen bzw. zu setzen.
Vernetzung, Digitalisierung und das Internet der Dinge (IdD oder engl. IoT) – diese Einflussfaktoren bestimmen heute alle Bereiche der Arbeitswelt. Das gilt aber keineswegs nur für Kernbereiche in Unternehmen. Es beeinflusst nahezu alle Abläufe und Aufgabenbereiche und damit auch maßgeblich den Bereich Arbeitsschutz bzw. Arbeitssicherheit. Die Trends am PSA-Sektor gehen einher mit den unaufhaltsam voranschreitenden Themen der Industrie 4.0. PSA wird von Mitarbeitern (= hoher Unternehmenswert) genutzt bzw. getragen. Daher ist es naheliegend, dass auch hier ein großes wirtschaftliches Interesse besteht, Anwenderdaten einfach, effizient sowie unauffällig zu sammeln. Ob das aber immer zum Vorteil des einzelnen Trägers geschieht gilt es natürlich zu hinterfragen.

Stichwort: Datenschutz
Wie schon in einem früheren Artikel erwähnt, ist die Kehrseite der Medaille sicherlich, dass diese sensiblen Daten nicht nur zum Wohle des Produktes/Trägers, sondern auch zum Nachteil des Mitarbeiters eingesetzt werden können. Der Arbeitgeber kann aufgrund der übermittelten Daten sehr wohl nachvollziehen, wie es um den allgemeinen Gesundheitszustand steht oder wie hoch die Produktivität seiner Mitarbeiter ist. Der Einsatz von Skin-Sensorik in Bekleidungsfasern zur Messung von Vitaldaten und die Auswertung von GPRS/Zeit-Daten (um nur einige Möglichkeiten anzusprechen) machen ein derartiges Szenario relativ problemlos möglich.
Im Moment geht die Reise der PSA 4.0 aber glücklicherweise noch nicht in Richtung „Big Brother“, sondern in naher Zukunft in die Verwaltung, sprich in Bereiche, die bis vor kurzem noch analog gestaltet wurden und bei den meisten Unternehmen noch immer werden.

Erhöhte Sicherheit durch Digitalisierung in der Verwaltung
Im Vordergrund steht die Gefahrenprävention des Menschen. Das bedeutet, dass die PSA den Menschen am Arbeitsplatz vor Gefahren oder Unfällen schützen soll, die weder durch technische noch arbeitsorganisatorische Maßnahmen hätten vermieden werden können. Um die Effizienz von Persönlicher Schutzausrüstung noch zu steigern und um diese nicht analog verwalten bzw. warten zu müssen, muss diese zukünftig digital vernetzt werden. Die Verwaltung und turnusmäßige Überprüfung von PSA läuft in zahlreichen Unternehmen heute noch immer analog ab. Sicherheitsfachkräfte die sich, mit Klemmbrett bewaffnet, handschriftliche Notizen machen und diese, anschließend in den Computer übertragen müssen, sind keine Seltenheit. Allein der doppelte Zeitaufwand verdeutlicht, wie ineffizient manuelle Prozesse sein können. Im Zeitalter von Smartphones, Tablets und sonstigen smart Devices sollte es selbstverständlich sein oder zukünftig werden, dass Daten direkt digital erfasst werden.
Die oben beschriebenen Arbeitserleichterungen und die damit verbundene Ressourcengewinnung sind aber nur einige Vorteile von vernetzter PSA. Ein ebenso wichtiger Aspekt und somit Mehrwert für die Qualität des Arbeitsschutzes ist die eindeutige elektronische Identifizierung von PSA Produkten: In welchen Unternehmensbereichen ist welche Ausrüstung im Einsatz bzw. darf eingesetzt werden, über welche PSA verfügt der einzelne Mitarbeiter, wann sind Wartungs- und Inspektionsaufgaben zu erfüllen? All diese für die Sicherheitsfachkraft wichtigen Informationen werden in der smarten Arbeitsschutzwelt auf Knopfdruck zur Verfügung stehen.
 In der Praxis könnte das wie folgt aussehen: Arbeitgeber kauft für seinen Mitarbeiter Herrn Max Mustermann eine Absturzsicherung. Das Produktionsdatum, Seriennummer, Herstellername, Norm etc. dieser Absturzsicherung wird auf einem eingebauten RFID-Chip gespeichert. Die Seriennummer und die damit verbundenen Serviceintervalle werden Herrn Max Mustermann zugewiesen und in einer Datenbank abgelegt. Über seine Smart-Watch oder Smartphone erhält Herr Mustermann dann die Mitteilung, dass seine Absturzsicherung binnen 2 Wochen zu warten ist, damit weiterhin die notwendige Sicherheit am Arbeitsplatz erhalten bleibt. Herr Mustermann bestätigt diesen Termin und übergibt die Absturzsicherung zur Revision. Die im Unternehmen verantwortliche Sicherheitsfachkraft erhält die Informationen, dass Herr Mustermann alles nach Vorschrift und Zeitplan erledigt hat. Die verpflichtende Überprüfung bzw. der digitale „Fall“  sind somit erledigt. Die Sicherheitsfachkraft sieht im Datenbankprofil von Herrn Herr Mustermann jede ihm zugewiesene PSA, mit Produktionsdaten, Schutzfunktionen, Herstellerangaben, Normen, Einsatzgebiete und dergleichen. Der gesamte Lebenszyklus der PSA von Herr Mustermann kann mithilfe der digitalen Vernetzung einfach verwaltet und dokumentiert werden: Von der Zuordnung, über Inspektion und Wartung bis zum Austausch. Alle relevanten Daten stehen ständig und ortsunabhängig zum Abruf bereit und können mit zusätzlichen Dateien, wie etwa Bildern oder Textdokumenten ergänzt werden. Auch die rechtlich notwendige Dokumentation, bis hin zum Nachweis von Unterweisungen der Mitarbeiter, befindet sich somit immer auf dem aktuellsten Stand. Hier macht PSA 4.0 also absolut sind.

Digitalisierung hat erst begonnen
Die Digitalisierung in der Arbeitssicherheit steht, trotz spürbarer Einflüsse der Industrie 4.0, noch am Anfang. In naher Zukunft wird smarte PSA in direkter Kommunikation mit dem Arbeitsplatz stehen um z.B.  den Mitarbeiter vor Gefahren zu waren oder bei Bedarf auch das Abschalten einer Maschine erzwingen. Ein weiterer Schritt in die Zukunft wird vernetzte PSA sein, die ihre Umgebung erkennt und kontextbezogen reagiert. Exoskelette die das zu hebende Gewicht erkennen und den Träger beim rückenschonenden Tragen der Last unterstützen sind zudem bereits heute Wirklichkeit. Und auch Kollaborative Roboter (kurz: Cobots) haben bereits Einzug in diverse Produktionszweige gehalten. Um der Phantasie nicht unendlich freien Lauf zu lassen sollte abschließend festgehalten werden, dass wir im digitalen Zeitalter leben und uns diesen Trends nicht verschließen können. Man kann das Neue nicht immer verdammen, sondern sollte jeweils die positiven, als auch negativen Aspekte neuer Technologien in einen vernünftigen Konsens setzen. Am Ende des Tages wird die PSA 4.0 die Arbeitsplätze noch sicherer machen und dazu den damit verbundenen Verwaltungsaufwand minimieren. Der Mensch/Anwender in der Arbeitswelt wird dadurch aber sicher nicht obsolet werden. Für unsere Kinder, die als „Digital Natives“ aufwachsen, wird das alles aber ohnehin selbstverständlich sein. So richtig spannend wird es für die nächste Generation erst wieder, wenn die künstliche Intelligenz (AI) Einzug in die Bereiche Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit hält.

Lesen Sie mehr zu unserem Schwerpunkt in der M.A.S. 4/18, im Infoservice auf den Seiten 8 bis 14.

Fotocredit: (C)iStockphoto/Theerapong28