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TITELSTORY: Arbeitnehmerschutz der Zukunft - Arbeit darf nicht krank machen

Ausgaben-Nummer: 
04/2015

Die Bedingungen in der Arbeitswelt – und damit auch die krankmachenden Faktoren in der Arbeit – haben sich in den letzten Jahren stark verändert. So standen beim Festakt zum 20-jährigen Jubiläum des ArbeitnehmerInnenschutzgesetzes (ASchG) nicht nur die bisherigen Erfolge, sondern insbesondere auch die neuen Herausforderungen und Risiken im Arbeitnehmerschutz im Fokus.  

Der Erfolg steht außer Frage: Durch das 1995 in Österreich in Kraft getretene ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) konnten in den letzten beiden Jahrzehnten wesentliche Fortschritte in Sachen Arbeitnehmerschutz erzielt werden. So ist allein die Zahl an Arbeitsunfällen in den letzten 20 Jahren um rund ein Drittel gesunken. Sozialminister Rudolf Hundstorfer lobte im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung die Erfolge des ASchG und fasste dessen Erfolgsbilanz zusammen: „Der enorme Rückgang an Arbeitsunfällen hat natürlich auch zu einem Rückgang der volkswirtschaftlichen Belastungen geführt.“ Hundstorfer betonte weiter, dass es seit 20 Jahren und auch künftig darum ginge, „Sicherheit und Gesundheit nachhaltig zu verbessern und so eine Verringerung von arbeitsbedingten Gesundheitsgefährdungen zu erreichen“.

Arbeitswelt im Wandel

Denn so erfreulich die bisherigen Erfolge in Sachen Arbeitnehmerschutz auch sind, so sehr haben sich die Bedingungen in der Arbeitswelt in den letzten Jahren verändert – und damit auch die krankmachenden Faktoren in der Arbeit, was den Arbeitnehmerschutz künftig vor große neue Herausforderungen stellt. Univ.-Prof. Dr. Jörg Flecker vom Institut für Soziologie an der Universität Wien skizzierte in seinem, im Rahmen des Festaktes gehaltenen Vortrag mit dem Titel „Wege in eine sichere und gesunde Arbeitswelt der Zukunft“ die veränderten Rahmenbedingungen, an die auch der Arbeitnehmerschutz künftig entsprechend anzupassen ist. Dazu zählen unter anderem folgende Entwicklungen in der Arbeitswelt:

  • Das Altern der Gesellschaft aufgrund des demografischen Wandels bringt die Herausforderung einer alternsgerechten Arbeitsgestaltung und einer Humanisierung der Arbeitswelt mit sich. Dazu zählen u.a. der Erhalt von Arbeitsfähigkeit und Arbeitsmarktchancen sowie die Schaffung von Möglichkeiten, auch mit gesundheitlichen Einschränkungen arbeiten zu können.
  • Die steigenden Arbeitslosenzahlen wirken sich unmittelbar negativ auf die Qualität der Arbeit aus, es braucht somit neue Lösungen in der Beschäftigungspolitik.
  • Nicht zuletzt aufgrund der Digitalisierung verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Beruf/Arbeit und Privatem. Eine neue Grenzziehung („Entgrenzung der Arbeit“) auf individueller, betrieblicher und gesellschaftlicher Ebene ist erforderlich.
  • Aufgrund des Wandels der Wirtschaftsstrukturen braucht es zunehmend Maßnahmen gegen eine Prekarisierung der Arbeit und einen Schutz der Arbeit unabhängig von der jeweiligen Rechts- und Vertragsform.

Mehr arbeitsbedingte psychische Belastungen

Prof. Dr. Andreas Krause von der Fachhochschule Nordwestschweiz bestätigte in seinem Vortrag „Moderne Managementtechniken und ihre (Neben)-wirkungen“, dass es in den Unternehmen heute oftmals darum gehe, die Leistungsdynamik von Selbständigen und Freiberuflern bei unselbständig Beschäftigen hervorzurufen. Die „Nebenwirkungen“ dieser motivations- und produktivitätssteigernden Effekte seien vielfältig und reichen bis hin zu psychischen Fehlbelastungen, denen es mit entsprechenden Angeboten zur Verhaltens- und Verhältnisprävention sowie Gesundheitsförderung gegenzusteuern gelte.  

Und dies bestätigt auch die Statistik: Krankmachende arbeitsbedingte psychische Belastungen zählen zwar noch immer zu den unterschätzten Gefahren der Arbeitswelt sind jedoch seit einigen Jahren deutlich im Steigen begriffen. Sie verursachen enormes Leid für die Beschäftigten – und in weiterer Folge hohe betriebs- und volkswirtschaftliche Kosten. So belaufen sich die gesamtwirtschaftlichen Kosten von arbeitsbedingten psychischen Belastungen in Österreich mittlerweile auf rund 3,3 Milliarden Euro jährlich.

Ausbau der Prävention – Beraten statt bestrafen

Dieser Besorgnis erregenden Entwicklung wurde durch eine Novelle des ArbeitnehmerInnenschutzgesetzes Rechnung getragen:  Seit 1. Jänner 2013 sind die österreichischen Betriebe explizit verpflichtet, psychisch gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen zu identifizieren und die festgestellten psychischen Gefahren durch überprüfbare Maßnahmen auszuschalten oder zu reduzieren. Wie Sie bei der Evaluierung von psychischen Belastungen am Arbeitsplatz vorgehen, darüber haben wir Sie in der M.A.S. 4/14 bereits ausführlich informiert.

Die konsequente Durchführung der Evaluierung bringt schließlich einen Gewinn für beide Seiten: Die Beschäftigten profitieren von der Schaffung gesunder Arbeitsbedingungen, die Unternehmen wiederum von geringeren Kosten, da die Zahl der Krankenstände sinkt, die Fluktuation abnimmt und die Produktivität zunimmt.

Dass es diesbezüglich in Österreich jedoch noch Nachholbedarf gibt, das bestätigen die aktuellen Zahlen aus dem Strukturwandelbarometer (IFES im Auftrag der AK Wien) ebenso wie jene aus der Unternehmensbefragung ESENER-2 (Zweite Europäische Unternehmensbefragung über neue und aufkommende Risiken der EU-OSHA). Dem weiteren Ausbau der Prävention unter der Prämisse „Beraten statt strafen“ müsse daher auch in Zukunft ein hoher Stellenwert zukommen.

Gemeinsame Resolution verabschiedet

Zur Unterstützung des Ziels, die Risiken für Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten und von arbeitsbedingten Gesundheitsgefährdungen weiter zu minimieren, haben alle beteiligten Institutionen im Rahmen des Festaktes „20 Jahre ArbeitnehmerInnenschutzgesetz“ eine Gemeinsame Resolution zur Österreichischen Arbeitsschutzstrategie 2013-2020 präsentiert. Lesen Sie mehr dazu in unserer Titelgeschichte im Infoservice auf den Seiten 2 bis 3.

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