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TITELSTORY: PSA-Verordnung (EU) 2016/425 - Die wichtigsten Änderungen auf einen Blick

Ausgaben-Nummer: 
03/2016

Am 20. April 2016 ist die neue PSA-Verordnung (EU) 2016/425 in Kraft getreten. Unser Experte Ing. Georg Frank-Zumtobel erläutert im Gespräch mit der M.A.S., was sich im Zuge der neuen Verordnung ändert und welche Begriffe man unbedingt kennen sollte.
 

M.A.S.: Herr Ing. Frank-Zumtobel warum brauchte es überhaupt eine neue Verordnung?
Die PSA Richtlinie (89/686/EWG) wurde am 21. Dezember 1989 veröffentlicht und war in vollem Umfang ab 1. Juli 1995 anwendbar. Damit ist die Richtlinie mehr als 20 Jahre alt und nicht mehr im Einklang mit aktuellen Stand der Technik und Geschäftspraktiken. Am 20. April 2016 ist nun die neue PSA-Verordnung (EU) 2016/425 in Kraft getreten. Die seit 1989 geltende Richtlinie 89/686/EWG wird mit Wirkung ab dem 21. April 2018 aufgehoben.
Ziel des Gesetzes ist es, die Anforderungen für persönliche Schutzausrüstungen an den „neuen Rechtsrahmen“ (NLF) der Europäischen Union (EU) anzupassen, um einen besseren Schutz der PSA-Träger zu erreichen. Dieser „neue Rechtsrahmen“ bildet unter anderem die einheitliche Grundlage für die Überwachung von Produkten in der EU.
Die Verordnung (EU) 2016/425 (wie auch bisher die Richtlinie) gehört zur europäischen Binnenmarktgesetzgebung. Anforderungen an den Entwurf und die Herstellung von PSA sowie Regelungen für den freien Verkehr von PSA in der EU werden geregelt. Dabei wird - mit Ausnahmen - nicht zwischen PSA für den gewerblichen Einsatz (wie Atemschutzgeräte oder Sicherheitsschuhe) und für den Einsatz im privaten Umfeld (wie Fahrradhelme oder Sonnenbrillen) unterschieden.

M.A.S.: Was sind die wesentlichen Änderungen gegenüber der bisherigen PSA-Richtlinie?

Im Unterschied zur bisherigen PSA-Richtlinie EU 89/868 ist die neue Rechtsform einer Verordnung.
Diese gilt mit Inkrafttreten unmittelbar in allen Mitgliedstaaten der EU und muss nicht erst in nationales Recht umgesetzt werden. Die PSA-Verordnung (EU) 2016/425 enthält Vorbemerkungen zu den grundlegenden Gesundheitsschutz- und Sicherheitsanforderungen. Für den PSA-Bereich wird zur Erfüllung der grundlegenden Anforderungen nun auf den Stand der Technik verwiesen. Eine Risikobeurteilung wird verpflichtend.
Bei Entwurf und Herstellung von PSA muss nicht nur die bestimmungsgemäße, sondern auch die normalerweise vorhersehbare Verwendung berücksichtigt werden.
Neu ist auch die klare Regelung, dass Schutzkleidung mit abnehmbaren Protektoren bei der Konformitätsbewertung gemeinsam als Kombination zu prüfen ist. Die Anforderungen zum Schutz vor nicht-ionisierender Strahlung wurden um Hautschutz ergänzt. Bisher waren sie auf den Augenschutz beschränkt.

M.A.S.: Welche Punkte müssen aufgrund der neuen Verordnung nun erfüllt werden?

  1. Jeder, der PSA an einen anderen weitergibt, muss den Marktüberwachungsbehörden auf Verlangen darüber Auskunft geben, von wem er sie selbst bekommen hat und an wen er sie weitergegeben hat. Dies gilt nur für BtoB, also nicht z.B. von Baumarkt an Endkunden.
  2. Beim Inverkehrbringen von PSA muss der Hersteller Typen-, Chargen- oder Seriennummer angeben, um eine Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten.
  3. Die Verpflichtungen von Händlern und Einführern werden in der neuen Verordnung (EU) 2016/425 im Einzelnen festgelegt, wie dies in der alten Richtlinie lediglich für Hersteller enthalten war.

M.A.S.: Welche zentralen Begriffe der PSA Verordnung (EU) 2016/425 sollte man kennen?

  • „Wirtschaftsakteure“: Das sind Hersteller, Bevollmächtigte, Einführer und Händler.
  • „Hersteller“: Das ist jede natürliche oder juristische Person, die PSA herstellt bzw. entwickeln oder herstellen lässt und sie unter ihrem Namen oder ihrer Marke vermarktet.
  • „Bevollmächtigter“: Das ist jede in der Union ansässige natürliche oder juristische Person, die von einem Hersteller schriftlich beauftragt wurde, in dessen Namen bestimmte Aufgaben wahrzunehmen.
  • „Einführer“: Das ist jede in der Union ansässige natürliche oder juristische Person, die PSA aus einem Drittstaat auf dem Markt der Union in Verkehr bringt.
  • NEU: „Händler“: Darunter wird jede natürliche oder juristische Person in der Lieferkette verstanden, die PSA auf dem Markt bereitstellt, mit Ausnahme des Herstellers oder des Einführers.
  • „Inverkehrbringen“: Das ist die erstmalige Bereitstellung einer PSA auf dem Markt der Union.
  • „Bereitstellung auf dem Markt“: Darunter versteht man jede entgeltliche oder unentgeltliche Abgabe von PSA zum Vertrieb oder zur Verwendung auf dem Markt der Union im Rahmen einer Geschäftstätigkeit.

M.A.S.: Was ändert sich bezüglich EU-Konformitätserklärung, EU-Baumusterbescheinigung bzw. Risikokategorien?

Die EU-Konformitätserklärung muss entweder jeder einzelnen PSA (bzw. der kleinsten kommerziell verfügbaren Einheit) beiliegen oder es muss der PSA eine Internetadresse beiliegen, über die die Konformitätserklärung zugänglich ist. Die Konformitätserklärung, die technischen Unterlagen und die Benutzerinformationen müssen spätestens ab dem 21. April 2019 den Bestimmungen der Verordnung (EU) 2016/425 entsprechen.

Die Geltungsdauer der EU-Baumusterprüfbescheinigung ist zukünftig auf maximal fünf Jahre beschränkt. Es werden genaue Anlässe aufgelistet, wann der Hersteller die Baumusterprüfbescheinigung überprüfen lassen muss. Für die reine Verlängerung nach Ablauf der Gültigkeit wird ein vereinfachtes Verfahren beschrieben.

Auch in Sachen Risikokategorien gibt es Änderungen: Diese Kategorien sind in Anhang I aufgeführt. Die Definitionen sind rein risikobasiert und enthalten für die Kategorien I und III abschließende Listen. Im Unterschied zur alten PSA-Richtlinie ist die Kategorie III um fünf Risiken erweitert worden: Ertrinken, Schnittverletzungen durch handgeführte Kettensägen, Hochdruckstrahl, Verletzungen durch Projektile oder Messerstiche und schädlicher Lärm.

M.A.S.: Was gilt ab wann?
Die Verordnung (EU) 2016/425 ist ab dem 21. April 2018 anzuwenden. Zu diesem Zeitpunkt wird die bis dahin geltende PSA-Richtlinie 89/686/EWG endgültig aufgehoben. Die Regelungen zu den notifizierten Stellen gelten bereits ab dem 21. Oktober 2016. Damit wird sichergestellt, dass diese Stellen rechtzeitig zum allgemeinen Start der Verordnung am 21. April 2018 aktiv sein können. Mit diesem Datum wird die PSA-Richtlinie aufgehoben. Das folgende Jahr ist eine Übergangszeit: PSA, welche die Richtlinie erfüllen, dürfen dann noch in Verkehr gebracht werden. Baumusterprüfbescheinigungen nach der Richtlinie gelten noch bis zum 21. April 2023, sofern sie nicht vorher ablaufen.

M.A.S.: Was bedeutet die neue PSA-Verordnung für den Anwender?

Anwender von PSA müssen sich mit dem Übergang auf die Verordnung in der Regel nicht umstellen. Abgesehen vom erwarteten Effekt, dass sich die Qualität der PSA im Mittel erhöhen wird, sind mehr und praxisrelevantere Benutzerinformationen zu erwarten, die mit den PSA ausgeliefert werden und somit die Auswahl geeigneter Produkte erleichtern.

Vielen Dank für das informative Gespräch!

Lesen Sie mehr in der M.A.S. 3/16 auf Seite 5.

Fotocredit: (C)iStockphoto